Eine kleine Autofahr-Philosophie

Schönes Wetter, trockene Landstraße, mein Tacho zeigt 110-115 km/h. Bei dessen ca. 10%-Ungenauigkeit (ist durch amtliche Aufnahmen ganz gut belegt) fahr ich recht exakt 100 km/h. Da muss ich in die Eisen. Kein Traktor, kein LKW mit 60 km/h (Maximalgeschwindigkeit für LKW über 7,5t), kein Sportgerät (Rennrad ohne Schutzblech oder Beleuchtung), das da illegal unterwegs wäre. Ohne ersichtlichen Grund bewegt sich da ein anderes Verkehrshindernis, ein PKW. Dem zuckle ich jetzt mit ca. 75 km/h - also etwa echten 67 - hinterher! Die Wut steigt wie wenn auf der Autobahn stauauslösend penetrant das Rechtsfahrgebot ignoriert wird.

Warum blockieren Menschen Verkehrswege, verursachen Staus und verhindern, dass andere Termine einhalten können? Aus Angst? Wobei: Wer unsicher ist, sollte besser gar kein Fahrzeug in öffentlichem Raum steuern. Und die Geschwindigkeitsregeln der StVO sind für Fahrzeugtechnik (besonders Bremsen und Sicherheitssysteme) der 1960er und 1970er Jahre. Kein Grund also zu übermäßiger Angst. Aus Bosheit? Das will ich niemandem unterstellen. Aus Gedankenlosigkeit, weil nur das eigene Zeitbudget und Sicherheitsgefühl interessieren und nicht Bedürfnisse andrer?

Wie ich dem Verkehrshemmnis hinterher zuckle und mich ärgre, dass ich beim Fahren nicht Handy-Zocken darf - „Wie soll ich nur das Einschlafen verhindern?“ - kommen mir Fragen: Wieso fahren Leute, die offensichtlich viel Zeit übrig haben, eigentlich mit dem Auto? Wieso fahren wir überhaupt PKW? Nur um von A nach B zu kommen? Das wär zu einfach:

Nur von A nach B kommen

Es ist Unsinn, dass wir nur Auto fahren um von A nach B zu kommen. Strecken kann man auch zu Fuß, mit Pferd, Fahrrad, Motorrad, LKW, Bus, Bahn, Taxi, Flugzeug, Hubschrauber, Schiff … zurücklegen.

Gut … Flugzeug oder Schiff scheiden bei manchen Zielen als unzweckmäßig aus. Und Reiten bzw. Kutschieren ist nicht jedermanns Sache, v.a. auch die zugehörige Tierhaltung. Auch der LKW ist eher für Spezialisten.

Aber es gibt doch genug Alternativen zum Auto.

Zu Fuß von A nach B, per Fahrrad oder Motorrad

Von A nach B kommt man auch gut per pedes. Und spätestens seit Hape Kerkeling (Ich bin dann mal weg“ 2006) sind Pilgern und Wandern wieder salonfähig. Nur muss man dann Zeit haben oder sich welche nehmen. Und zu einem Geschäftstermin kann man auch schlecht verschwitzt oder mit Schnappatmung kommen. Außerdem ist man stark den Unbill der Witterung ausgesetzt. Schirme und Wetterkleidung sind nur bedingt spaßig bei Wolkenbruch oder Minusgraden. Zudem ist das Transportvolumen, z.B. für den Familieneinkauf, recht beschränkt.

(Un-)Motorisierte Zweiräder beschleunigen den Trip zwar ungemein, aber v.a. Wetter- und Transportkapazität-Probleme bleiben. Wobei Letztere auch bei zweisitzigen Sportwagen oder Cabriolets eher überschaubar sind.

Schnell und trocken von A nach B mit Bus und Bahn

Zeitersparnis ist also wesentlicher Vorteil des PKWs gegenüber Fahrrad oder Schusters Rappen, Schutz vor der Witterung gegenüber den meisten Zweirädern. Und dafür, dass manche Fahrer/innen schon mit zwei Schneeflocken auf der Straße überfordert sind, kann das Fahrzeug ja nichts.

Das alles schaffen aber auch Bus und Bahn. Allerdings brauchen sie, v.a. „auf dem Land“, zusätzliche Zeit. Es müssen Fahrpläne und das Erreichen von Haltestellen einkalkuliert werden.

Dabei kommt ein weiterer Gesichtspunkt ins Spiel: Nicht nur, dass Züge nur selten vor der Haustüre halten, auch Großraum-abteile und Fahrkomfort sind nicht jedermanns Sache. Dazu kommen gruselige Gefühle, die - v.a. „auf dem Land“ - herunter-gekommene Bahnhofsgelände oder einsame Haltestellen vermitteln. Ich kann da gerne Anschauungsadressen vermitteln.

Anders in Ballungsräumen. Da sind „Öffentliche“ eine echte, sinnvolle Alternative, die dort ja auch genutzt wird.

Schnell, trocken, bequem von A nach B mit dem Taxi

Wer unsicher ist, Zeit hat und Wert auf Flexibilität, Bequemlichkeit und Service legt, könnte aber statt des PKWs auch ein Taxi nehmen. Wer nicht Vielfahrer oder Berufspendler ist und nur fährt, wenn er muss, sollte mal genau rechnen. Dann merkt er/sie schnell, dass das Taxi gar nicht teurer wäre als die Unterhaltung eines eigenen PKW. Das wird oft vergessen, weil Viele z.B. Nebenkosten oder Wertverfall nicht auf den Kilometer kalkulieren.

Doch das Taxi hat denselben, subjektiven Nachtteil wie Bus, Bahn, Flugzeug oder Schiff oder „autonomes Fahren“. Wir geben uns nur ungern in die Hand der Fähigkeiten anderer, v.a. wenn wir in der Nähe des Zuständigen sind und meinen, von dem, was der kann, selbst etwas zu verstehen. Je weiter weg der Chauffeur ist, je spezialisierter seine Ausbildung, desto eher schwindet dieser Nachteil. So haben Viele Angst in kleinen, zweisitzigen Flugzeugen aber nicht in riesigen Jumbos. V.a. aber Technik und Computer scheinen Vielen nahezu unfehlbar, was eigentlich völlig unverständlich ist, wenn jemand je einen Microsoft-PC hatte oder nachzählt wie oft die Chips im eigenen Auto versagen. Aber weil wir der Technik so gerne blind vertrauen, verkaufen sich z.B. Assistenzsysteme und technische Gimmicks so gut - obwohl: Etlichen Fahrer/innen tut es sicher gut, wenn ihr Auto mit ihnen spricht und intelligenter ist als sie.

Warum also mit dem Auto von A nach B?

Es dürft deutlich geworden sein, dass der PKW unschlagbar ist im trockenen, flexiblen, relativ bequemen und mit einem gewissen Sicherheitsgefühl versehenen Zurücklegen einer Strecke. Der ganz entscheidende Faktor aber ist „Zeitersparnis“ also dass das möglichst schnell geschieht.

Warum aber scheint gerade der entschiedende Faktor immer mehr aus dem Bewusstsein zu verschwinden - und das längst nicht nur bei älteren Menschen, so wie es noch vor etlichen Jahren als Gerücht kursierte oder: „Dann setz wenigstens an Hut auf, dass man g´warnt isch“ (nach Uli Keuler: „Camillo)?

Aufruf!

Wer so viel Zeit hat, dass sie/er mit 67 km/h auf der Landstraße fahren kann, kann doch den Bus nehmen und wer zusätzlich viel Wert auf Komfort legt das Taxi! Aber lasst doch den Menschen, die ganz normal fahren wollen (ich rede nicht vom „Rasen“, davon distanziere ich mich ausdrücklich!), die Möglichkeit ihr Gefährt bestimmungsgemäß zu verwenden. Zumal „Schleichen“ leider auch die Nerven anderer strapaziert, gar zu riskantem Überholen verleitet und Unfälle provoziert.

Und dann machen die Medien wieder Hatz auf die „bösen, überholenden Raser“. Und in schöner Regelmäßigkeit stilisieren sie dann die Verursacher (Schleicher) zu Opfern und fordern noch mehr Reglementierungen.