Wir (Christen) veranstalten uns zu Tode

 

Natürlich spielt die Überschrift auf Neil Postmans  wegweisendes Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ (1985) an, das problematische mediale und politische Phänomene beschreibt, die sich durch die „neuen Medien“ längst mehr als potenziert haben - und bei weitem nicht nur in den USA. Allerdings geht es hier nicht um soziologische Gesellschaftsanalyse und -kritik, sondern um einen ganz speziellen Blick auf Kirche und Glauben in der deutschen „Spaßgesellschaft“.

 

Zumindest die „großen“ Kirchen Deutschlands - aber auch viele der etablierten, älteren Freikirchen - klagen über schwindenden Gottesdienstbesuch, verlorene Systemrelevanz und allgemeinen Bedeutungsverlust bei gleichzeitig immer höherem zeitlichem, kreativem Aufwand und zunehmender Professionalisierung des Angebots. Mancherorts herrscht regelrechte Existenzangst bis hin zu Verschwörungstheorien, die die Islamisierung des Abendlands befürchten bei der der christlicher Glaube verboten wird und ausstirbt. Lediglich einzelne Kirchengemeinden oder junge Freikirchen (neue Aufbrüche) scheinen „etwas richtig“ zu machen, da sie offenbar mehr „Feuer“ und messbar „volle(re) Häuser“ haben. Allerdings ist beim Messen und bei Zahlenspielen Vorsicht angesagt, wie der Exkurs am Ende dieses Artikels aufzuzeigen versucht (siehe unten).

 

Die letzten Jahre und Jahrzehnte sind geprägt von sorgenvoller aber eher oberflächlicher Analyse - vielleicht weil tiefgreifende Analyse eigene Fehler aufdecken, echte Änderungen (statt On-Top´s) nahelegen und Einnahmen (durch Austritte) gefährden könnte. Vor allem aber waren sie voll von hektischer Aktionen und Initiativen. Denn die Antwort ist scheinbar einfach: Erfolg und Misserfolg, Wachsen oder Schrumpfen hängt wie in anderen „Märkten“ an Menge und Art der Veranstaltungen, ob und wie diese den - z.B. musikalischen - Geschmack möglicher Besucher/innen treffen.
Die biblische Kirche als Dienstgemeinschaft (vgl. 1. Kor. 12) bei der es auf den Einsatz jedes einzelnen Gemeindeglieds ankommt, die leidet, wenn auch nur ein Glied leidet - sich also am schwächsten Glied orientiert -, besteht vielerorts nur auf dem Papier (vgl. § 9 KGO der württembergischen Landeskirche). Kirche, die sich generationen- und milieuübergreifend um Gottes Wort versammelt und den Glauben dann im Alltag lebt, wich und weicht immer mehr einer Dienstleistungskirche, deren Fokus darauf liegt, wie man die Gemeindeglieder oder Menschen darüber hinaus am besten bespaßen - und damit halten oder dazu gewinnen - kann.
Kirche wirkt streckenweise wie eine Eventagentur, die religiöse Wellness organisiert. Selbst aus Gemeindegliedern werden „Kunden“ für die ein „innerer Kern“ etwas anbietet. Und so fühlen und verhalten sie sich dann auch. Veranstaltung über Veranstaltung für möglichst viele Interessen und Geschmäcker: Die Zahl von Konzerten, Ausstellungen, Vorträgen, offenen Angeboten, Einkehrtagen, Pilgerangeboten, Zweit-, Dritt- oder Viertgottesdiensten, Evangelisationen, Gruppen und Kreisen wächst ins Unzählbare. Selbst Gottesdienste werden konzertanter oder zur Selbstdarstellungsplattform für engagierte Gemeindeglieder. Die Menschen sollen „angelockt“ werden, indem man ihnen etwas „Schönes“ zum „Wohlfühlen“ oder zum „Spaß haben“ bietet. Was Gesellschaft bis zum Erbrechen in Hallen, TV, Internet, Freizeitparks usw. praktiziert, bildet sich in der Kirche ab. Glaube bzw. seine Versatzstücke werden auf „Gefallen“ und „Spaß“ abgecheckt, hingestylt und konsumiert, wenn einem danach ist. Und was dann gelegentlich als Wirken des Heiligen Geistes gepriesen wird, lässt sich ganz simpel als psychologischer Mechanismus des erzeugten „guten Gefühls“ entlarven, über entstehende, ungesunde Abhängigkeiten gegenüber Prediger/innen bis hin zu echter Gottesvergiftung (vgl. dazu auch manche Kritik in T. Mosers gleichnamigen Buch 1976).

 

Vielleicht liegt gerade in diesem Phänomen das Problem, warum Kirche völlig zu Recht an Relevanz verliert. Nicht, weil sie zu wenig bietet oder den Geschmack nicht trifft, sondern weil sie sich in viel zu vielen Events verausgabt und letztlich zu Tode veranstaltet. Denn die vermeintliche Kundschaft spürt, dass Kirche dabei letztlich bigottisch um sich selbst kreist, um ihre Bedeutung, ihr Bestehen oder ihre Einnahmen bangt. Eine derart selbstverliebte Kirche, die sich weigert Jesu Körper auf Erden zu sein (vgl. nochmals 1. Kor. 12) durch den er predigt und handelt, braucht Gott nicht. Und die Welt hat in Sachen Event und Spaß weit bessere säkulare Anbieter und braucht so eine Kirche genauso wenig.

 

Aber Kirche war auch nie als seichte, nichtssagende, nichtaneckende, den Geschmack vermeintlicher Kunden befriedigende Eventagentur gedacht. Jesus hatte seine Nachfolger/innen dazu ausersehen, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein (Mt. 5, 13-16).
Salz brauchte man früher, um Speisen haltbar zu machen, weshalb es über Jahrhunderte oft wertvoller war als Gold. Aber auch in Zeiten des Kühlschranks braucht es Salz, um Speisen zu würzen, fade Lebensmittel mithin erst genießbar zu machen, zumal der menschliche Körper Salze braucht. Salz ist aber auch herb und brennt in Wunden, weshalb man es dem Sprichwort nach nicht noch in jene streuen soll. Aber das ist so nicht ganz richtig: Salz (und nicht nur das vom Toten Meer) hat auch heilende Wirkung z.B. bei Atemwegserkrankungen, aber eben auch bei Hautkrankheiten und Wunden. Dann aber gehört das „Brennen“ zum reinigenden, heilenden Effekt des Salzes.
Licht ist das Gegenteil von Finsternis in der zwielichtige Gestalten gerne grau in grau ihr Unwesen treiben. Licht ist dazu da, Dunkelheit(en) und Schatten aufzudecken, zu entlarven und zu vertreiben, visuell geprägten Lebewesen Orientierung und Sicherheit zu bieten. Nicht selten verbinden sich mit Licht auch Hoffnung (am Ende des Tunnels) oder auch Wärme.
Nichts gegen Konzerte, Hauskreise oder andere Veranstaltungen. Aber ob sie das Salz oder Licht sind, die die Welt lebensnotwendig braucht, weil sie sie ohne die Christen nicht hat? Wohl kaum. Solche Formate hat die Welt im Überfluss, oft weit besser und professioneller als die der Kirche(n).

All diese Dinge sind nicht wie Schwarzbrot, das sättigt und gut tut - an dem man aber auch eine Zeit zu kauen hat -, sondern eher wie Sahnehäubchen oder künstliche Geschmacksverstärker. Und jeder weiß, was passiert, wenn man zu viel oder nur noch Süßes zu sich nimmt. Durch Amos und andre Propheten lässt auch Gott immer wieder mitteilen, dass auch er nicht begeistert ist, wenn sein Volk den eigentlichen Gottesdienst - den Dienst der Menschen für Gott durch gelebte Nächstenliebe, Umweltschutz und Schwärmen von Gottes Liebe - vergisst zugunsten religiöser Show: „Ich hasse und verachte Eure Feste und mag Eure Versammlungen nicht riechen […] und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und Euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr Deiner Lieder; denn ich mag Dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Am. 5, 21-24).
Und selbst gut gemeinte Evangelisationen bilden da keine rühmliche Ausnahme, bieten sie doch meist nur „Säuglingsmilch“ (vgl. 1. Kor. 3, 1-4). Die wäre ja an sich gut für Kirchendistanzierte oder Menschen, die Gottes Liebe in Jesus nicht kennen oder gerade erst kennen lernen. Doch werden Evangelisationen oder auch missionarische Zweitgottesdienste größtenteils von Christen besucht, die sich wünschen, dass in jedem Gottesdienst zur Neubekehrung aufgerufen würde. Aber niemand kann oder sollte lebenslang gestillt werden, v.a. nicht Christen. Denn Christsein ist eine lebenslange Veränderungs- und Wachstumsgeschichte (vgl. Eph. 4, 13-15), die Lehre, Ermahnung u.a. braucht (1. Tim. 4, 13), eben „feste Speise“, die nicht immer leicht verdaulich ist.

 

Kirche mit Dessertcharakter und Zuckerguss kann das nicht bieten und veranstaltet sich sehenden Auges zu Tode. Kirche ereignet sich (vgl. CA VII und CA VIII), wo Gottes Evangelium rein gepredigt und die Sakramente evangeliumsgemäß gereicht werden. Dabei spielt in der Praxis von Predigt und Glaube das „Salz in der Wunde“ und mit ihr Buße (CA XII) und Beichte (CA XI) eine zentrale Rolle. Denn wie soll ein Baum gut wachsen und reifen, wenn er dauernd Energie in tote und störende Zweige stecken muss. Die müssen weg, damit die Pflanze sich entfaltet. Eine organische Folge dieser Predigt sind „gute Werke“ (CA XX) in Gedanken, Gefühlen, Worten und Taten, die die Glaubenden ohne Zwang, aus innerem Antrieb heraus unbedingt tun wollen. Sie werden den Glaubenden selbstverständlich wie dem „barmherzigen Mann aus Samaria“ (Lk. 10, 25-37), so selbstverständlich, dass sie es im besten Fall gar nicht bemerken, dass sie diese tun (Mt. 25, 31-46). Wenn sie völlig ausbleiben, muss sich der Betroffene fragen, ob sein „Glaube“ echt ist oder er nur religiöse Wellness konsumiert oder eine Tradition pflegt (vgl. Jak. 2, 17).
Die Qualität eines Gottesdienstes bemisst sich also keineswegs daran, ob er Spaß macht oder man sich darin „wohlfühlen kann“, einem der Ablauf oder die Musik gefällt, sondern daran, dass Gottes gepredigtes Wort, das allererst Glaube weckt und ermöglicht (vgl. Rö. 10, 17), aber auch im Glauben wachsen und gedeihen lässt, den Finger in Wunden (vgl. Lk. 5, 31-32) legt, damit sie gereinigt, verbunden, mit göttlicher Liebessalbe behandelt und geheilt werden. Ob das „ankommt“ und Erfolgszahlen generiert, ist nebensächlich, weil es um Qualität und nicht um Quantität geht.

 

Anders als Viele behaupten, verwaltet sich Kirche nicht nur zu Tode - das in gewisser Weise vielleicht auch - v.a. aber veranstaltet sie sich zu Tode. Kirche, die wüsste, worauf es ankommt und was Zuckerguss ist, würde sich nicht über Geschmacksfragen streiten und müsste sich nicht ständig kräftezehrend selbstdarstellen oder um Finanzen oder eigene Existenz bangen. Sie bekäme durch Gottes Dienst am Sonntag generationen- und milieuübergreifend neue Perspektiven, Kraft, Antrieb, Ressourcen und Ausdauer für ihren eigentlichen Auftrag, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.

 

Das würde im Kleinen, in der Ortsgemeinde, beginnen, in der niemand einsam und allein sein müsste, in der die finanziellen, psychischen oder physischen Nöte des Einzelnen das Anliegen aller wäre, in der jede/r willkommen, angenommen und aufgehoben wäre, wie er/sie eben ist, nicht wie man es von ihm/ihr erwartet - gerade die Außenseiter, die Asozialen, die Fremden, die Problematischen … Sie wäre Gemeinschaft, die stärker und tragfähiger wäre als eine Familie, weil jeder bereit wäre zur Vergebung und vorbehaltlos für den anderen einzustehen auch mit dem eigenen Vermögen an Zeit, Fähigkeiten oder Geld, in der jeder/m bedingungslos geholfen wird bei allem, was plagt, innerlich oder äußerlich, denn es bräuchte keine Tabus, kein Lästern, Vergleichen, Ein- und Abschätzen. Es wäre eine Gemeinschaft in der das gemeinsame Haupt und dessen Ideen das Zentrum wäre und nicht menschliche Geschmäcker, Wellnessbedürfnisse oder verletzte Eitelkeiten. Sie wäre eine Gemeinschaft, die Sinn, Halt, wahre Freiheit und Geborgenheit schenkt.
Eine solche Kirche bräuchte sich auch keine Sorgen um die eigene Existenz zu machen. Sie wäre anziehend, auch weil sie diese vorbehaltlose Liebe Jesu (vgl. 1. Kor. 13, 4-7) nicht nur den Glaubensgeschwistern angedeihen ließe, sondern auch anderen, sogar ihren Feinden (Mt. 5, 43-48). Sie wäre anziehend, weil sie etwas zu bieten hätte, das die Welt nicht bieten kann (vgl. Apg 2, 37-47).
Und in einem Staat, in der jede/r Bürger/in zugleich Untertan und auch letztverantwortliche Obrigkeit ist (vgl. Art. 20, 2 GG) wüssten sich Christen solcher Gemeinden auch Gott verantwortlich, der die Obrigkeit eingesetzt hat (vgl. Rö. 13, 1-7). Sie würden diese Liebe Gottes, seine Vorstellungen von Zusammenleben, Liebe und Gerechtigkeit, vom Umgang mit seiner Schöpfung und von Frieden mit Nachdruck in Politik und Gesellschaft einbringen und sich nicht vornehm zurück- oder raushalten oder sich gar noch gesellschaftlichen Trends der Spaßgesellschaft anbiedern. Kirche wäre wirklich so was wie „Kirche für andere“ (vgl. Dietrich Bonhoeffer), die der Welt Alternativen böte zu entfesseltem Gewinnstreben, Ausbeutung und Unterdrückung, zu Neid, Hass, Angst und Ausgrenzung. Sie wäre wirklich Salz der Erde und Licht der Welt und nicht nur überflüssige, religiöse Eventagentur.

 

Wie Kirche so wird? Das kann nicht per oberkirchenrätlichem Dekret verordnet werden. Das fängt bei jeder/m Christen/in an und auch da nicht im Machen und Tun, sondern in einer Veränderung der eigenen Sicht auf und der eigenen Einstellung zu Gott und Welt, im Lernen, die Welt demütig mit den Augen Gottes zu sehen. Vielleicht ist dieser Artikel ja ein winziger Beitrag dazu?

 


 

 

Exkurs: „Trau keiner Statistik, die Du nicht selbst …“

 

Man muss gegenüber Zahlen und Statistiken nicht derat pessimistisch sein wie Winston Churchill (von dem das Zitat stammt), aber man sollte in der Lage sein, Zahlen und Statistiken zu lesen, um sich nicht vom reinen, manchmal gewaltigen, Zahlenwerk blenden zu lassen:

 

So gilt z.B. die Willow Creek Community Church mit 25.000 sonntäglichen Gottesdienst-Besucher/innen als eine der großen, erfolgreichen Megachurches der USA. Das ist erfreulich für diese „Start-up-Kirche“ (Gründung 1975) und beeindruckt nicht nur in Übersee. Auch bei uns schielen nicht wenige über den Teich auf die dort generierten „Erfolgszahlen“.
Aber bevor man vor diesen „Traumzahlen“ in Ehrfurcht erstarrt, ist zu bedenken, dass der Sitz der Willow Creek Community Church ein Vorort von Chicago ist. Diese Stadt hat ca. 2,7 Mio. Einwohner. Demnach besuchen also ca. 0,92 % der Bevölkerung den weltbekannten „seaker service“. Da Chicago auch eine Metropolregion mit 9,7 Mio. Menschen ist, könnten Kritiker sogar behaupten, es werden nur 0,25% der Bevölkerung erreicht. Kalkuliert man dazu, dass längst nicht alle Besucher/innen aus Chicago und Umgebung sind, sondern dass es auch eine Art „Gottesdiensttourismus“ zur bekannten Megachurch aus der ganzen Welt gibt, werden die Zahlen noch ein wenig ernüchternder.
Doch bitte nicht falsch verstehen: Hier geht es nicht um church-bashing europäischer Neidhammel - es geht darum, die Augenwischerei gewaltiger Zahlen in die richtige Relation zu setzen. Und natürlich ist auch bekannt, dass es in Chicago und Umgebung unzählige weitere Kirchen und Denominationen gibt, deren Gottesdienste ja auch besucht werden, was die Zahlen wieder verändert.

 

ABER: Bei diesen relativen Zahlen klingen die 2-4% Gottesdienstbesucher/innen an den Zählsonntagen der EKD 2017 auf einmal wesentlich besser als auf den ersten, ernüchterten Blick - zumal die Statistiken in manchen Regionen, z.B. auf dem württembergischen, dörflichen „Land“, oft noch deutlich besser sind als im EKD-Durchschnitt. Da sind es in manchen Gemeinden 8-12% Besucher/innen. Da dort oft auch noch über 80% der Bevölkerung evangelisch sind, erreicht der stockkonservative evangelische, württembergische Gottesdienst dort durchschnittlich also gut 5-7% der Bevölkerung! Nicht eingerechnet sind auch hier Personen, die katholische oder freikirchliche Gottesdienste besuchen. Und selbstverständlich kann das alles in anderen Gegenden völlig anders aussehen.

 

Insgesamt lässt sich feststellen: Auch gewaltige Absolut-Zahlen sind mit nüchterner Besonnenheit (vgl. 2. Tim. 1, 7) zu genießen. Denn es gibt keine „Technik“, die Erfolge garantieren könnte. Das wäre auch seltsam, wenn der „Geist weht, wo er will“ (vgl. Joh. 3, 8). Sogar Jesus selbst erreichte manchmal nur 10% der Angesprochenen (Lk. 17, 11-17), oft noch viel weniger (Lk 23, 18-23).

 

Und dazu ist mancher "Erfolg" leider zudem auch eine Mogelpackung:
Vorsicht vor gefakten Zahlen - Transferwachstum!

 

Nicht selten wachsen Aufbrüche und Gemeinden nicht, weil sie so viele unkirchliche oder ungläubige Menschen anziehen und bekehren, sondern „auf Kosten“ anderer Gemeinden, indem sie denen Gemeindeglieder offen oder indirekt abwerben. Ob es wirklich so schlimm ist wie der damalige Generalsekretär der Evangelischen Allianz Deutschland Hartmut Steeb 2011 behauptete, dass selbst evangelikale Gemeinden „schrumpfen oder bestenfalls stagnieren“ und wenn überhaupt von „Transferwachstum“ leben, kann offen bleiben. Aber das Phänomen, dass „Aufbrüche“ besonders anziehend sind für Christen aus der Region oder darüber hinaus - meist für solche, die bis dahin vor Ort hoch motiviert und überaus engagiert waren und dann dort fehlen, ist überall zu verifizieren. Manche Gruppen haben ein Einzugsgebiet von 100 Kilometern und mehr. Und bei manchen heißt Aufbruch auch, dass sich örtliche Christen - vom „Tamtam“ genervt - zurückziehen, während die vermeintliche Erfolgsgeschichte mit Menschen von außerhalb geschrieben wird.
Aber auch diese Gemeinden merken immer wieder, dass unter denen, die da mitschreiben, nicht wenige „Gemeinde-“ oder „Gottesdienst-Hopping“ betreiben, d.h. Gemeinden wechseln wie sie TV-Kanäle durch zappen - mit ein Grund, warum nicht wenige Zweitgottesdienst-Konzepte oder Gemeindeaufbau-Programme nach Jahren wieder eingestellt werden.