Eine zwiespältige Figur

Landeskirche in der Corona-Krise

2020 ist ein ganz besonderes Jahr. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hat die ganze Welt ein gemeinsames Problem, das sie auch als solches erkennt, selbst wenn manche Staatschefs - deren Sammlung Intelligenz bezeugender Aussprüche auch in Schriftgröße 36 bequem auf eine Briefmarke passt - es zu ignorieren versuchen: Die Covid-19-Pandemie. Erstaunlich wie besonnen die meisten Länder versuchen, Folgen wie die der Spanischen Grippe (1918-20) zu verhindern (die forderte 20-50 Millionen Menschenleben bei einer Weltbevölkerung von 1,8 Milliarden damals). Die meisten reagier(t)en mit Einschränkungen in Wirtschaft, Handel und öffentlichem Leben wie Versammlungs- und Kontaktverboten. Dass dabei auch Fehler gemacht wurden und werden (z.B. durch Lockdowns in Pflegeheimen und Krankenhäusern) ist unbenommen, hier aber nicht Thema.
Von Corona-Einschränkungen waren und sind auch Religionsgemeinschaften betroffen, was mitnichten dem Recht auf Religionsfreiheit (Art. 4 GG) widerspricht, sondern vielmehr konsequent das „Recht auf persönliche Unversehrtheit (Art. 2 GG) umsetzt, ganz im Sinne des Nächstenliebe-Gebots (Mt. 22,39), das Jesus präzisiert, indem er Nachfolger/innen zumutet zugunsten Nächster eigene Rechte und Bedürfnisse zurückzustellen (z.B. Mt. 5,38-42). Demnach sind die Corona-Maßnahmen geradezu ein Zwang zu christlicher Religionsausübung. Da hätten eher Hedonisten oder Sozialdarwinisten Grund zum Klagen.
Viele Kirchen, auch die württembergische, begegneten der ungewohnten Situation sehr umsichtig. Es gab und gibt eine Flut kreativer Ideen für Gottesdienste und unzählige Hilfsangebote. Aber sie mach(t)en nicht nur eine „gute Figur“. So klagen manche, dass Kirchenleitungen eine ganze Zeit lang völlig „abgetaucht“ seien, andere, dass Kirche zu wenig gegen die „Schikanen“ unternommen hätte. Und auch wenn die große Mehrheit der Gemeindeglieder diszipliniert und hilfsbereit reagierten, zeig(t)en manche mit Dauerjammern auch nicht ihre allerbeste Seite. Und eine tiefe inhaltliche Auseinandersetzung mit (der) Krise(n) vermissen nicht nur Theolog/innen.

 

Dieser Artikel versucht eine sehr kurze, grobe und holzschnittartige Analyse als Anstoß für weiteres Nachdenken, im besten Fall sogar für eine breite Diskussion:

Kirche ganz vorbildlich

Anders als Kritiker behaupten, ging die Kirchenleitung sehr verantwortlich mit dem Shutdown um, auch wenn sie ein paar Tage langsamer war als manche Kirchengemeinde. Sehr schnell schaffte es die, ansonsten medial eher verhaltene, Landeskirche eine Internetplattform für die Zeit der Krise zu generieren mit tagesaktuellen Infos zu kirchlichen Corona-Maßnahmen und Entwicklungen, Angeboten für Seele und Herz, auch als Plattform für kirchengemeindliche Angebote, und sogar einen YouTube-Kanal für Online-Gottesdienste. Sehr verantwortungsvoll wurde mit der GEMA verhandelt und in guter Abstimmung mit der Landesregierung erste Lockerungen erwirkt.
Kirchengemeinden und einzelne, engagierte Christ/innen machten sehr schnell Hilfsangebote für Erkrankte und Menschen in Quarantäne, organisierten z.B. den Einkauf, Betreuungsangebote für andere, später auch das Nähen von Mund-Nasen-Schutz u. ä. Seelsorge war schriftlich, per Telefon, Mail oder über den Gartenzaun möglich und unter Beachtung von Hygienemaßnahmen wurden auf Wunsch und Bedarf auch Einzelbesuche u. a. gemacht.
Unzählige Pfarrpersonen hatten und haben aufwändige, kreative Ideen für Religions- und Konfirmandenunterricht via Internet und Mail. Sie stell(t)en gedruckte Predigten und Impulse zur Verfügung, Hörpredigten ins Internet oder feier(te)n online-Gottesdienste mit den Gemeinden und gestalteten mit viel Einfühlungsvermögen Bestattungen. Viele Kirchengemeinden hatten zudem ganz besondere Ideen z.B. für die Karwoche, Oster- oder Pfingstfest. Viele Kirchengemeinden öffne(te)n Kirchengebäude für persönliche Andacht und Gebet und diejenigen, die Kindertagesstätten-Träger sind, waren und sind sehr kreativ engagiert für „ihre“ Kinder und Eltern.
Es war und ist eben doch nicht alles abgesagt und Kirche war und ist keineswegs „abgetaucht“ und behutsam und vorbildlich wurden und werden Lockerungen und neue Möglichkeiten umgesetzt.

Übers Ziel hinaus

Wenn sich Menschen stark engagieren und gleichzeitig womöglich selbst wie eine Maus vor einer Schlange zittern, bekommen sie oft einen „Tunnelblick“. Dadurch wurde und wird hin und wieder vergessen, „dem Volk aufs Maul zu schauen“ (frei nach Martin Luther). Natürlich brauch(t)en viele Menschen, v.a. ältere und vulnerable, Trost. Aber längst nicht alle und nicht nur. Es braucht(e) auch Perspektiven und das Zurechtrücken derselben. Es braucht(e) zudem Antworten auf „Warum-Fragen“ und auch zum Umgang mit dem, was den Shutdown begleitet(e) wie häusliche Gewalt, Frustration, drohende Arbeitslosigkeit usw. Und auch die übrigen Themen des Glaubens und Lebens waren und sind durch die Krise ja nicht plötzlich weg. So ungewohnt die Situation auch war und ist, sie war und ist alles andere als der Weltuntergang. Wer das nicht glaubt, der sollte nur einmal dieses Video von Biyon anschauen. Allerdings lag der große Teil der Aktivitäten, Andachten usw. auf „Trost“. Als das Influenza-Virus 2017 mit 25.100 Toten in Deutschland Rekordzahlen erreichte, war das anders. Was für ein Schlag für Angehörige, die damals einen geliebten Menschen verloren, wenn das bei Corona jetzt anders ist.

Beschämend: Zeit des Jammerns beim Suhlen in Selbstmitleid

Ja, Corona-Maßnahmen sind nicht immer angenehm, zum Teil - v. a. bei Familien mit mehreren Kindern - sehr frustrierend. Mit Kurzarbeit und Einnahmeverlusten bereiten sie wirtschaftliche Sorgen. Dazu sind Kontaktverbote und Reisebeschränkungen ein Einschnitt in liebgewonnene Gewohnheiten und Beschränkung sonst üblicher Freiheiten.
Aber es ist mehr als beschämend, wie lautstark sich Liebe zu sich selbst und eigenen Gewohnheiten bei Kirche - die eigentlich der Nächstenliebe und dem Schutz Schwächerer verpflichtet sein sollten - äußern kann. Erschreckender Weise jammer(te)n besonders engagierte Gottesdienstbesucher/innen und Gruppenleiter/innen oft massiv, wie furchtbar alles sei. Schon nach 6-8 Wochen konnten es Viele kaum noch ertragen, dass ihr Kreis und Hobby (z.B. bei manchen Chormitgliedern) jetzt ausfallen muss und Gottesdienste auf andere Weise stattfinden (z.B. in TV oder online). Für Viele ist es scheinbar normal, dass Kirche sich zu Tode veranstalten muss (lesen Sie auch den theologischen Artikel dieser Homepage zu diesem Thema). Hauptsache die eigene Bespaßung (und z.T. auch Selbstdarstellung) läuft möglichst bald wieder in gewohnten Bahnen. Dass es für gebrechliche Menschen oft über viele Jahre Alltag ist, Gottesdienste ausschließlich im TV mitfeiern können und keinen kirchlichen Hobbys nachgehen zu können, ist nicht mal ansatzweise im Blick. Alles dreht sich ums eigene Befinden. Völlig abstrus wird das dann, wenn Musiker die Beteiligung verweigern, wenn Abstand beim Musizieren Pflicht wird oder Menschen behaupten, es sei kein richtiger Gottesdienst ohne Gemeindegesang. Das war im Mittelalter völlig normal. Aber was mir nicht gefällt, ist eben unzumutbar und falsch. Maßstab ist das Bauchgefühl.

Nur noch fremdschämen aber kann man sich, wenn Christ/innen oder Gemeinden gegen Corona-Einschränkungen vor Gericht ziehen, sich in Gottesdiensten nicht an Hygienemaßnahmen halten oder Pfarrpersonen um ihre Daseinsberechtigung bangen, wenn sie vorübergehend nicht bis zur Burnout-Grenze veranstalten und verwalten, v. a. aber wenn es Debatten um schwindende Systemrelevanz gibt. In einem - Gott sei Dank - religionsneutralen Staat (wer einen christlichen „Gottesstaat“ will, sollte sich mal näher mit Landesherrlichem Kirchenregiment oder dem Täuferreich zu Münster befassen oder in die islamische Welt schauen) sind Präsenz-Gottesdienste (mediale gab und gibt es ja zuhauf) und Mitarbeitende von Glaubensgemeinschaften natürlich nicht systemrelevant. Auch säkulare Staaten brechen in der Krise nicht sofort zusammen. Und Seelsorge, die in manchen Bereichen (besonders bei Trauerfällen) vergleichbar ist mit dem, was Psychologen leisten oder Diakonie waren und sind ja nie verboten gewesen - anders als Betriebe wurde keine Kirchengemeinde komplett „geschlossen“. Es wurde und wird gearbeitet - und nicht wenig - nur eben anders als sonst.

Chancen in der Krise

Wie jede (auch persönliche) Krise ist auch die Corona-Krise eine Kontingenzerfahrung. Allerdings trifft sie auf eine „Westliche Welt“, die es nicht (mehr wirklich) gewohnt ist, mit solchen umzugehen. Wer systematisch Krankheiten, Elend, Leid, Not und Tod aus dem Alltag in „Einrichtungen“ oder Medien verschiebt, sogar Zäune und Mauern dagegen errichten will, für wen es schon schlimm ist, wenn die Kids das Abitur nicht schaffen, die Handyhülle nicht aussieht wie gewünscht oder der dritte Urlaub im Jahr nicht finanzierbar ist, ist damit schnell überfordert.
Der Psalmbeter weiß, dass Kontingenzen uns herausfordern aber auch helfen, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, zu lernen, das Leben zu verstehen, wenn er betet: „(Gott) lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Ps. 90,12). Nicht selten wird behauptet, dass wer wüsste, dass er nur noch wenige Tage zu leben hätte, sein Leben völlig anders führen würde, als wenn er denkt, es dauere noch Jahrzehnte (vgl. den Film: „Knockin´ on Heaven´s Door“ 1997). Auch wenn es für Betroffene katastrophal sein kann, für die Menschheit ist so ein „Hallo Wach“ das Gott wirkt oder zulässt (ein Artikel zu Theodizee bzw. Allmacht Gottes fehlt auf dieser Seite noch), äußerst wohltuend, stutzt es doch den menschlichen Allmachtswahn auf Realität zurück und korrigiert diese teuflische Undankbarkeit, die jeden Luxus als Selbstverständlichkeit betrachtet.
So lehrt auch dieses Corona-Virus - das anders als viele andre Übel grad nicht leicht mit Spaß, Arbeit und Ablenkung beiseite zu schieben ist - unter anderem, dass Leben trotz aller medizinischer und technischer Möglichkeiten verletzlich und vergänglich ist, es Dinge gibt, die die Menschheit nicht (gleich) kontrollieren kan - nicht alles nach menschlichem Kopf läuft.
Bevor man - dank Internet - alles besser wusste als alle Expert/innen und selbst grundsätzlich Recht hatte, stellten kluge und weise Leute bei Kontingenzerfahrungen auch die großen Menschheitsfragen nach den Prinzipien, die die Welt im inneren zusammenhalten (frei nach J.W. von Goethes Faust 1), nach dem Sinn des (eigenen) Lebens, nach Gott oder Jenseits. Allerdings scheint der Spaßgesellschaft „Denken“, „Suchen“ und „Prüfen“ (vgl. 1. Thess. 5,21) grundsätzlich zu anstrengend. Mehr als eine Seite (ohne Bilder) lesen, schaffen viele nicht mehr. Nur wer kurze, banale, möglichst inhaltsfreie Antworten für Twitter, Facebook oder WhatsApp hat oder dubiose Verschwörungstheorien vorweisen kann, findet überhaupt noch ernsthaft Gehör der Massen.
Natürlich legt so eine Krise auch Fragen nach den Ursachen nahe und ob z.B. bestimmte Lebensstile (z.B. Globalisierung) solche Pandemien befördern oder gar verhindern bzw. eindämmen könnten.
Zudem ist jede Art von freiwilligem oder erzwungenem Shutdown die Chance fernab des sonstigen Alltags die eigene Lebensweise zu überprüfen, zu bilanzieren und die eigenen Prioritäten auf den Prüfstand zu stellen, wie es z.B. überlebende Mitarbeiter des World Trade Centers bei 9/11 auch taten. Wirklich ernsthaft abchecken, was einem wichtig ist, was man lebensnotwendig braucht und was nette Zugaben sind und evtl. nachhaltige Änderungen vornehmen.
Und zu guter Letzt steht in dieser unvollständigen Aufzählung, die Aufforderung der Krise, auf solche Ereignisse (besser) vorbereitet zu sein und ihnen auch verantwortungsbewusst zu begegnen.

 

Die Corona-Krise bietet demnach eine Reihe von Chancen für jede/n, aber damit selbstverständlich auch für Kirchen. Davon wird nach dem Exkurs noch zu lesen sein.


Exkurs: Corona als direkte Gottesstrafe?

Nein, an dieser Stelle wird diese, nicht unerhebliche, Frage nicht unterschlagen, bewegt sie doch derzeit nicht wenige kirchliche Gemeindemitglieder, speziell solche, die einen besonders moralischen, an biblischen Geboten orientierten, Lebensstil pflegen oder solche, die bei jeder Gelegenheit über die „Endzeit“ philosophieren und predigen.
Es gibt in der Bibel tatsächlich immer wieder Situationen in denen Gott ohne große Vorwarnung z.B. besonders „gottlose“ Lebensweisen (z.B. 1. Mo. 18,16 - 19,29) direkt bestraft. Allerdings geschieht das dann wunderhaft oder mit klarer, direkter Ansage (vgl. Am. 1,3 - 2,16; Jona usw.). Jesus selbst warnt davor, den Umkehrschluss („der ist krank, der hat gesündigt“) zu ziehen (Joh. 9,1-3), weil Gott tiefer und weiter blickt als Menschen. Vor allem kennt die Bibel auch das Phänomen, dass es den üblen Typen weit besser geht als den Rechtschaffenen (vgl. Ps. 73,3-14). Auf jeden Fall sind Krankheiten in der Bibel kein sicheres Zeichen für eine ganz direkte Gottesstrafe (vgl. Hiob).
Wer bei Covid-19 unbedingt von einer Gottesstrafe reden will, dem sei geraten, das Virus zu den allgemeinen, üblen Folgen des Sündenfalls (1. Mo. 3) zu rechnen, unter denen die Menschheit und die gesamte Schöpfung leiden (vgl. Rö. 8,18-22).
Und auch die Endzeit ins Spiel zu bringen, ist wenig hilfreich. Die Erde lebt seit Jesu Himmelfahrt (Apg. 1,1-14) - also seit gut 2000 Jahren - in der Endzeit. Jede Spekulation an welcher Stelle der Endzeit sie sich aktuell befindet, ist Phantasterei (vgl. Mt. 24,42-44). Nicht einmal Jesus kennt den Termin des Tags des Jüngsten Gerichts (Mt. 24,36). Alle, die versucht haben, ihn „zu berechnen“ - selbst die Frömmsten und Klügsten wie z.B. Johann Albrecht Bengel - sind kläglich daran gescheitert.


Konkrete Chancen der Landeskirche: Sabbatjahr - Zeit zum Ausmisten

Leider haben die Landeskirche und die mir bekannten Kirchengemeinden bisher die Chance vertan, den Shutdown als echtes Sabbatjahr (vgl. auch 2. Mo. 23,10-11) zu nutzen, wie es eigentlich alle 7 Jahre stattfinden sollte: Zeit zum Prüfen, Nachdenken aber auch Ausruhen von der sonst üblichen Geschäftigkeit. Diese Zeit wäre dringend nötig zur Besinnung, was Kirche eigentlich ausmacht, was sie lebensnotwendig braucht und was letztlich nur Sahnehäubchen sind. Welche Bedeutung hat der Gottesdienst, welche haben Gruppen & Kreise, Konzerte, Veranstaltungen, was ist die eigentliche Aufgabe von Kirche und wo sollte mal dringend ausgemistet werden? Gerade reformatorische Kirche, die immer neu Wildwuchs beseitigen sollte, um wieder zu ihrem Zentrum zu finden (ecclesia semper reformanda - nach Martin Luther), wäre gut beraten, solche Zeiten regelmäßig zu pflegen und zu nutzen, erst Recht, wenn sie unausweichlich sind. Mehr dazu finden Sie auch auf dieser Homepage im Artikel: „Wir (Christen) veranstalten uns zu Tode“.

 

Bisher wurde diese Chance meines Wissens tatsächlich nicht genutzt. Aber vielleicht ...

Neue Prioritäten in globalen Krisen

Wenn Landeskirche sich tatsächlich besönne, wieder mehr „Salz der Erde und Licht der Welt“ (Mt. 5,13-16) zu sein statt Eventagentur, müsste sie aus der Corona-Krise - die in ihrer Radikalität auch damit zusammenhängt, dass weltweit Gesundheitssysteme mit den Fallzahlen überfordert und überhaupt nicht auf Pandemien vorbereitet waren und sind - lernen, dass es zu ihrer Aufgabe gehört, unbequem auf Missstände, die mit Krisen zu tun haben, hinzuweisen und dagegen anzugehen. Denn, wer als Christ/in Paulus ernst nimmt - dass Gott die Obrigkeit einsetzt, um gegen Übel vorzugehen (Rö. 13,1-7) -, muss auch die Verantwortung annehmen, die einem übertragen wird, wenn man in einem Land wie Deutschland selbst die Obrigkeit ist (Art. 20,2 GG). Das ist ein Teil ihrer Mission, Menschen erleben zu lassen, wie Jesus ist, tickt und denkt (Mt. 28,18-19), wahrscheinlich weit mehr als sich in weltfremden Grüppchen zu sammeln oder Evangelisationen zu veranstalten.
Und Krisen bzw. Übel, die sich zum Teil auch noch gegenseitig bedingen und an denen einzelne Christ/innen und die Landeskirche beteiligt sind und in denen sie Verantwortung haben, gibt es derzeit mehr als genug. So sind Phänomene wie Flüchtlingsbewegungen nicht mit Abschottung zu lösen, sondern nur durch geänderte Verhaltensweisen der Industrienationen (z.B. beim Konsum). Hier ist nur eine kleine Auswahl solcher Krisen, die Christ/innen und Landeskirche mehr als dringlich angehen sollten, da sie so global und dringlich sind, dass sie politische und globale Lösungen brauchen und nicht nur örtliche Initiativen. Die sind zwar gut gemeint, brauchen aber viel Zeit und Ressourcen, bewirken meist aber so wenig, dass sie global betrachtet „verpuffen“. Ich habe mich z. B. viele Jahre geweigert, ein Smartphone anzuschaffen, rufe andre nur im äußersten Notfall auf dem Handy an und rede mir den Mund fusselig, dass auch andre sparsam sein sollen im Umgang mit diesem Medium. Aber das hat den Boom dieser Geräte kein bisschen gebremst und nicht einen Hersteller in Nöte oder zum Umdenken gebracht.

 

Klimakatastrophe:
Sicher eine der größten Krisen, die der Menschheit mittelfristig bevorsteht, wenn man die Anzeichen nicht verleugnet wie es weltfremde Theoretiker tun. Bereits 1990-1992 forderte Arthur Rich in seiner zweibändigen „Wirtschaftsethik“ sachgerecht, die Umweltfolgen wirtschaftlichen Handelns in volks- und betriebswirtschaftliche Rechnungen einzuarbeiten und das weltweit. Denn egal, ob die drohende Katastrophe, die Milliarden von Leben (also ein Vielfaches der Corona-Krise) fordern wird nun menschengemacht ist oder nicht. Emissionen, Raubbau, Zupflastern von Ackerland, Verschwendung natürlicher Ressourcen usw. tun Gottes Schöpfung und nachfolgenden Generationen auf jeden Fall nicht gut.

Neben dem Kampf für Nachhaltigkeit, müsste eine Konsequenz daraus z. B. sein: So viel lokal und regional wie möglich, so viel global wie nötig. Transport muss kostbar werden, denn global betrachtet kostete er, meist halt diejenigen, die sich nicht wehren können. Da könnte die Landeskirche durchaus mit gutem Beispiel voran gehen und statt Zentralisierungen und Zusammenlegungen zu fordern und fördern, lokale Strukturen zu stärken.

Wirtschaftspolitik:
Eng zusammen mit dem Klima- und auch dem Flüchtlingsproblem hängt die Art des Wirtschaftens der Industrienationen, v.a. von solchen, die von Konsumgüterindustrie und vom Export leben und dazu die dritte, vierte und fünfte Welt hemmungslos ausbeuten. Hier braucht es radikales Umdenken und radikale Änderungen, wenn der entfesselte liberale Kapitalismus nicht gegen die Wand und in globale Verteilungskriege führen soll. Kirche müsste dem Konsumwahn einer Gesellschaft konstruktiv entgegenwirken, Alternativen aufzeigen und auch Probleme offen benennen, wie z.B. dass Aktienspekulationen - mit dem Streben nach schnellem Gewinn - Menschen zur Arbeitskraft und zur Nummer degradieren und entmenschlichen.

Sozial-
und Gesundheitspolitik:
Beide Krisen hängen eng mit Wirtschaftspolitik zusammen. Wer Ausbeutung als das sieht, was sie ist, menschenverachtende Sünde, der muss dafür eintreten, dass Sozialsysteme ausgebaut werden und wer Menschen nicht nur als Material betrachtet, muss die weltweite Gesundheitspolitik radikal verändern. Es müsste das Ziel sein, dass alle Zugang haben zu benötigten Medikamenten und Gesundheitseinrichtungen. Und Geschäfte auf Augenhöhe kann ein Einkäufer nur mit Menschen machen, die in einem ähnlichen Sozialsystem agieren wie das Land, für das er Ware einkauft. Kinderarbeit und sklavenähnliche Zustände ohne Rentensysteme u. ä. sind absolute no-goes. Aber auch da hilft es nicht, bestimmte Handelsketten zu boykottieren. Da braucht es strikte Gesetze.

Bevölkerungsexplosion
:

Zuletzt soll noch eine Krise erwähnt werden, die Viele (noch) gar nicht so recht als solche auf dem Schirm haben. Derzeit leben ca. 7,8 Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde. Dabei leben über 90% unter schlechten und katastrophalen Bedingungen, obwohl der Planet mit all dem, was auch im Lebensmittelsektor möglich ist, gut 10 Milliarden ernähren könnte. Diese 10 Milliarden-Grenze könnte aber um 2050 überschritten werden!

 

Natürlich würde ein lautstarkes und direktes Aufdecken und Angehen gegen solche Krisen nicht nur Jubelstürme auslösen, aber genau das hieße „Salz der Erde" im Sinne Jesu sein. Eine Landeskirche hätte auch genug Mitglieder und Einfluss, um Bewusstsein zu schaffen und auch global etwas auszulösen und zu bewegen. Und ganz nebenbei wäre sie dabei auch Friedensstifterin (Mt. 5,9), wenn man bedenkt wie viel Neid, Kriege usw. mit dem Kampf um Ressourcen u. ä. zu tun haben, die überflüssig würden. Das wäre weit effektiver als Kundgebungen oder Predigten gegen Waffenhersteller usw.
Krisen gibt es mehr als genug und die Liste ist ja nur bruchstückhaft und völlig unvollständig. Mehr als genug woran Landeskirche arbeiten könnte und sollte, wenn sie ihren Herrn ernst nehmen möchte und sich nicht als Eventagentur selbstverwirklichen oder sich in kleinen Hilfsaktiönchen selbst auf die Schulter klopfen will.

 

Vielleicht trägt dieser Artikel ja dazu bei, dass ein Umdenken angestoßen wird. Vielleicht …